Professor Dr. Detlef Müller-Böling

Hochschulmanagement in Deutschland – ein Rückblick auf die Entstehung der Wissenschaftlichen Kommission Hochschulmanagement

Univ.-Prof. Dr. Reinhard Schulte
Leuphana Universität Lüneburg

Als am 19. und 20. Februar 1998 an der Universität Dortmund der erste Workshop zum Thema Hochschulmanagement stattfand, war noch nicht zu erahnen, welche Wirkung dieses für den deutschen Sprachraum neue Thema entfalten würde. Die letzten zehn Jahre brachten eine Welle von Dissertationen und Habilitationen, von Aufsätzen, Büchern und Projekten, von Vorträgen und Initiativen und von weiteren Aktivitäten zum Thema hervor. Entscheidend dafür war auch die Resonanz in der scientific community: Noch im gleichen Jahr wurde – angeregt durch diese erste Tagung – im Verband der Hochschullehrer für Betriebswirtschaft die Wissenschaftliche Kommission Hochschulmanagement gegründet. Initiator und Promotor dieser für Deutschland neuartigen wissenschaftlichen Disziplin war Detlef Müller-Böling.

„Die Universitäten haben heute zahlreiche Probleme, zu deren Lösung unsere Disziplin geeignete Ansätze anbieten könnte“, stellten 1998 die Tagungsleiter – Prof. Dr. Alfred Kieser, Universität Mannheim, sowie Prof. Dr. Detlef Müller-Böling, Universität Dortmund und CHE-Centrum für Hochschulentwicklung – eröffnend fest. Sind aber Hochschulen überhaupt Unternehmen im Sinne der Betriebswirtschaftslehre? Müller-Böling fand dazu mit seiner Äußerung breite Zustimmung: „Wenn wir Unternehmen als Institutionen begreifen, deren Zweck die Gewinnerzielung ist, dann zählen Hochschulen sicher nicht dazu. Wenn wir sie aber als Institutionen verstehen, denen Ziele gesetzt werden, die sie möglichst effektiv und wirtschaftlich zu erfüllen haben, dann sind Hochschulen sehr wohl Gegenstand der Betriebswirtschaftslehre.“

Die Idee war nahe liegend: Universitäten sollten aus der Verkrustung der Ministerialbürokratie befreit werden sich in ihrem eigenen Interesse wissenschaftlicher Methoden der Betriebswirtschaftlehre bzw. des Managements bedienen. Bisher verstanden sich Universitäten und Fachhochschulen als ökonomiefreier Raum, obwohl sie der Gesellschaft klar definierte Leistungen zu erbringen haben und zu diesem Zweck erhebliche Ressourcen ihrer Auftraggeberin einsetzen. Der Jubilar hatte früh erkannt, dass Hochschulen einen erheblichen originären ökonomischen Analysebedarf haben und dass Hochschulmanagement somit als eigene wissenschaftliche Disziplin trägt, weil sie anderen „Branchen“ nur sehr begrenzt vergleichbar sind. Sachliche Einwände dagegen waren argumentativ leicht auszuräumen, außerfachliche Widerstände hat der Jubilar rasch mit dem ihm eigenen Charme überwunden.

In seiner unternehmerischen Art zu Denken und zu Handeln hat Detlef Müller-Böling aber nicht nur die Idee gehabt, sondern auch deren Umsetzung voran getrieben. Er hat nicht nur das Potenzial dieses Themas erkannt, sondern auch auf den wissenschaftlichen Markt gebracht. Voller Anerkennung für sein Wirken beim CHE, aber unzutreffend politische Ambitionen suggerierend, hatte die ZEIT damals schnell einen griffigen Titel für ihn parat: „Der heimliche Bildungsminister aus Gütersloh“.

Wenn heute – manchmal nicht ganz zu Unrecht – die zunehmende Ökonomisierung der Universitäten beklagt wird, muss sich die Idee des Hochschulmanagements nicht angegriffen fühlen: Dessen Ziele sind wissenschaftlich motiviert, nicht politisch. In Hochschulen Ineffizienz zu identifizieren und transparent zu machen, das ökonomische Prinzip zu verfolgen und im Ressourceneinsatz wirtschaftliche Rationalität den Denkschemata der Verwaltungsjuristen vorzuziehen, hat mit einer Entmündigung der Wissenschaft noch nichts zu tun. Wenn die Kritik an der Ökonomie der Hochschule ernst genommen werden will, muss sie zu unterscheiden lernen zwischen wertfreier ökonomischer Analyse einerseits und andererseits den allenfalls fadenscheinig wirtschaftlich begründbaren Phänomenen zunehmender Gängelung der Wissenschaft oder der Entwissenschaftlichung und Kommerzialisierung der Hochschulen. In einer Zeit, da sich die Befreiung von Hochschulen vor allem auf Hochschulleitungen zu beziehen scheint, während die operativen Einheiten, die den Output in Forschung und Lehre zu erbringen haben, sich zunehmender Bürokratisierung und stetig fortschreitender Ressourcenbeschneidung ausgesetzt sehen, mag es nahe liegen, der dabei vorgetragenen Rechtfertigungsökonomie die Schuld zu geben. Die wahren Probleme dürften aber eher auf hochschulpolitischer Ebene liegen.

An den beiden Februartagen des Jahres 1998 wurden in Plenarsitzungen und sechs Arbeitskreisen insgesamt 19 Referate vorgetragen und diskutiert. Zahlreiche weitere folgten anlässlich der späteren Jahrestagungen der Wissenschaftlichen Kommission Hochschulmanagement im Verband der Hochschullehrer für Betriebswirtschaft, die zu ihren regelmäßigen Plattformen wurde. Bereits zu diesem allerersten Workshop zum Thema Hochschulmanagement im Februar 1998 im Haus Bommerholz, der Tagungsstätte der Universität Dortmund, trafen sich 52 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler von Universitäten aus Österreich, der Schweiz und Deutschland zu diesem von der Betriebswirtschaftslehre bisher vernachlässig-ten Thema. „Es war höchste Zeit für die Wirtschaftswissenschaft, dieses Thema aufzugreifen“ lautete denn auch der einhellige Tenor der Teilnehmerinnen und Teilnehmer.

Ziel der Veranstaltung war es von Beginn an, den in der „Betriebswirtschaftslehre der Hochschulen“ arbeitenden Forscherinnen und Forschern ein gemeinsames Diskussionsforum zu bieten, um dadurch bestehende Forschungsaktivitäten zu vernetzen und weitere anzuregen. Detlef Müller-Böling ist es zu verdanken, dass die jährliche Tagung von Anfang an frei von allem Standesdünkel war. Sachkundige und interessierte Teilnehmer auch außerhalb des Verbandes waren gleichermaßen willkommen. Wissenschaftlicher Nachwuchs wurde stetig eingebunden und gefördert. Ihn zeichnet aus, seine Gegenüber mit deren Gedanken und Sorgen unabhängig vom Status ernst nehmen, egal ob es sich dabei um Kollegen, Studierende oder auch die Damen vom Reinigungsdienst handelt, die uns all zu oft zu später Stunde in den Büros der Uni Dortmund erwischt haben. Das konsequente Prinzip, der Idee Vorrang vor der Person und dem Argument Priorität vor dem Status zu geben, war zumindest für die damalige Zeit noch ein wenig revolutionär für den Verband. Detlef Müller-Böling gestaltete damit eine Kommissionskultur, die er, soweit ich dies zu überblicken vermag, auch in seinen Funktionen als Institutsleiter, als Rektor der Universität Dortmund und als Leiter des CHE prägte und die damit durch seine Schüler und Mitarbeiter weit über diese Funktionen hinaus strahlt.

Meiner Kollegin Susanne Kirchhof-Kestel und mir kam damals die Aufgabe zu, die Geschäftsstelle der Wissenschaftlichen Kommission Hochschulmanagement an der Universität Dortmund zu führen. Unter anderem gehörte dazu die Organisation der Kommissionstagungen, die allein vier Mal in Bommerholz stattfanden. Allerlei Turbulenzen, die uns als Mittelbau in helle Aufregung zu versetzen vermochten, verstand der Jubilar mit heiterer Gelassenheit zu meistern. In all den Jahren, die ich ihn persönlich kenne – und die reichen bis in das Jahr 1986 zurück, als ich als studentische Hilfskraft in seine Dienste trat – habe ich nie erlebt, dass man ihn erkennbar aus der Ruhe gebracht hätte. Neben seiner wissenschaftlichen Leistung hat mich am stärksten wohl die Gelassenheit beeindruckt, die er auch im kritischen Fahrwasser immer bewahrt hat.

Sehr wichtig ist dem Jubilar immer der stetige Austausch mit wissenschaftlichen Mitstreitern wie Kontrahenten gewesen. Wissenschaft gehört für ihn nicht nur nicht in das enge Forscherstübchen, sondern auf das Podium der Diskussion, auf dem interaktiv analysiert und reflektiert wird. Als begnadeter Redner vermag er es dort immer, seine Zuhörer in seinen Bann zu ziehen. Das konstruktive Ringen um das bessere Argument stellt er im Interesse der Sachfrage jederzeit in den Vordergrund und scheut dabei auch kein offenes Wort. Wer ihn kennt, weiß aber, dass scharfsinnige Analyse und Klarheit der Aussage nicht im Gegensatz zu warmherzigem und humorvollem, wie auch geduldigem und nachsichtigem Miteinander stehen.

Ein mir ganz wesentlich erscheinender Wesenszug Detlef-Müller-Bölings ist das Talent, Opportunities in Wissenschaft und Forschung zu erkennen und zu nutzen. Als Forscher, aber auch als Gestalter handelt er im besten Sinne unternehmerisch. An seinem Lebenslauf lässt sich das gleich mehrfach ablesen. Er hat nicht nur das Thema Hochschulmanagement erkannt und sowohl wissenschaftlich als auch in gestaltender Funktion voran getrieben, sondern hat die deutsche Betriebswirtschaftslehre beispielsweise auch für die Themen der Informations- und Kommunikationstechniken sowie der Unternehmensgründung geöffnet und diese Bereiche durch wichtige eigene wissenschaftliche Beiträge wesentlich weiter entwickelt. In einem Fall übrigens, nämlich dem des Gründungsmanagement, hat er mich auf diesen Weg mitgenommen und damit auch meinen eigenen Lebensweg wesentlich geprägt.

Zu seiner Ehrlichkeit gehört auch, dass er den Menschen Müller-Böling nie verborgen hat. Besonders gut sichtbar wurde dieser immer am Rande des offiziellen Programms der Kommissionstagungen im Haus Bommerholz. Um den „gemütlichen“ Teil der Bommerholzer Tagungen zu beginnen und das Eis zu brechen (eigentlich war schon das offizielle Tagungsprogramm weit weniger ungemütlich, als man das von anderen Veranstaltungen dieser Art kennt), folgte stets eine schwungvolle Rede, wie er sie dank seines großen Unterhaltungstalentes auf unvergleichliche Art zu halten vermag. Dabei verstand er es immer, die Vortragenden besonders charmant zu würdigen. Darin wurden die Ergebnisse und Eindrücke vom Tage wieder gegeben, wobei augenzwinkernd immer auch einmal hochschulpolitische Entwicklungen kommentiert wurden. Als Höhepunkt folgten dann immer einige Anekdoten aus der Wissenschaft. So weit ich mich erinnern kann, hat der Jubilar dabei eigentlich auch immer einen ganz bestimmten Witz zum Besten gegeben, der, wie ich finde, seinen Humor besonders gut charakterisiert:

Ein Professor hat bahnbrechende Forschungsresultate erzielt. Nach kurzer Zeit wird er durch Publikationen, Vorträge und das erwachende Medieninteresse zum Star. Alle Welt ringt darum, ihn zu einem Vortrag zu gewinnen. Bald verbringt er einen großen Teil seiner Zeit damit, dem staunenden Publikum allerorts seine Erkenntnisse zu präsentieren. Es dauert auch nicht lange, bis er einen eigenen Chaffeur hat, der ihn von Ort zu Ort bringt, um die Vorträge halten zu können. Der Chaffeur sitzt dann immer am Ende des Saals und hört sich die Ausführungen seines Chefs aufmerksam an.
Natürlich langweilt den Professor sein ständig gleicher Vortrag irgendwann und er beklagt sich bei seinem Fahrer über das ewige Einerlei. Voller Mitleid trägt ihm dieser schließlich eine verwegene Idee vor: „Ab sofort referiere ich den Kram. Ich habe den Vortrag doch oft genug gehört, und die Fragen dazu kenne ich mittlerweile auch alle.“ Der Starprof willigt ein und fortan tauschen die beiden die Rollen: Der Fahrer referiert und der Professor sitzt in der Kluft seines Fahrers hinten im Saal. Alles läuft problemlos und der Fahrer hat so viel Freude an der Forscherrolle, dass er sie öfter spielen möchte.
Es kommt, wie es kommen muss. Eines Tages hält wieder der Chaffeur den Vortrag und erhält am Ende wie üblich tosenden Applaus. Der Professor sitzt wie immer still in der letzten Reihe und verfolgt das Treiben amüsiert. Fragen werden beantwortet und das Auditorium ist überaus zufrieden. Als alles geklärt scheint, hebt ein junger Student in der vorletzten Reihe vorsichtig die Hand und trägt mit zitternder Stimme eine weitere Frage vor. Eine neue Frage. Eine Frage, die die vorgetragenen Forschungsergebnisse im Mark erschüttert und vollständig ins Wanken bringt. Kurz: Es ist die Frage aller Fragen. Entsetzen im Publikum. Der Fahrer zögert. Atemlose Stille im Saal. Man könnte jetzt eine Stecknadel fallen hören. Schließlich hebt der Fahrer doch die Stimme: „ Ähm …. junger Mann ….. Ihre Frage ist so blöd, die kann sogar mein Chaffeur beantworten ….“.

Ich wünsche dem Jubilar von Herzen einen weiterhin so guten Kurs wie bisher, mit viel Glück, Erfolg und Gesundheit auf dem weiteren Weg!

Reinhard Schulte

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