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Nie ausgelernt …

Nie ausgelernt …
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Ich habe nicht geglaubt, dass ich in einer Regatta noch so viel dazu lernen kann. Immerhin war das mein 352. „Segelbootwettrennen“, das ich auf der Seine bei Paris bestritten habe. Zuvor hörte ich nur Gutes über dieses Revier: Vor 100 Jahren, 1994, Ort der Olympischen Segelwettbewerbe, etwas Strömung, windmäßig leicht tricky, aber überragende Gastfreundschaft. Nicht alles sollte sich bewahrheiten.

Die Strömung war nicht „etwas“, sondern bei den leichten Winden und den vorherigen starken Regenfällen so stark, dass ich etliche Male die Tonne nicht erreichte, sondern stark davon wegtrieb, die Nachfolgenden mich überholten und ich erst dann wieder die Tonnenrundung angehen konnte. Die Kreuz war zwei Tage lang mit der Strömung, so dass man auch luvwärts kam, wenn kein Wind war. Dann aber ging das Drama los: Die Tonne gerundet und Vorwind bergauf. Das ging so lange gut bis die nachfolgenden Boote eine Wand bildeten. Die Vorderen hatten dann keinen Wind mehr und trieben zurück. Die Hinteren fuhren nicht um die Vorderen herum, sondern einfach in sie hinein, im wahrsten Sinne des Wortes – ein Loch im Heck meines Bootes zeugt davon. Rowdytum oder Unfähigkeit von in erster Linie älteren Herren, die ihre Boote auch nicht abbremsten – etwa durch Fieren der Fock und Festhalten des Großbaums in der Mitte des Bootes, wie ich es in dieser Situation mehrfach praktizierte. Das hatte natürlich auch den Nachteil, dass ich niemanden überholen konnte, nur regelgerecht blieb.

Catch as catch can

Seltsam gestalteten sich auch einige Aktionen der Wettfahrtleitung. Eine der Tonnen für die Startlinie stand an Land auf Rädern und wurde von der Wettfahrleitung des Öfteren „verlegt“ auch noch innerhalb der fünfminütigen Startzeit. Dadurch und aufgrund der Strömung kam es zu etlichen Frühstart. Einmal kamen drei Deutsche nicht hinter die Startlinie, so dass wir erst nach längerer Zeit das Rennen aufnehmen konnten. In gleicher Situation mit mehreren Franzosen wurde der Start allgemein abgebrochen. Ein Teilnehmer wurde disqualifiziert, weil er die Tonne direkt vor den Augen der Wettfahrleitung gerammt hatte. Am Abend ging er zu den Verantwortlichen und behauptete treuherzig, er habe die Tonne nicht berührt. Die Wettfahrtleitung nahm daraufhin die Disqualifikation zurück. Letztlich war die Anzahl der Rennen nirgendwo dokumentiert. Am letzten Tag hieß es, es würden 10 Wettfahrten gefahren. Ich baute nach der 10. Wettfahrt mein Boot ab. Da wurde noch eine 11. angeschossen.

Meine eigenen Leistungen konnten sich auch nicht sehen lassen. Ich peilte die Tonnen mit der Strömung nicht hinreichend an, segelte nicht konsequent genug auf der rechten Seite, wo weniger Strömung herrschte und versuchte viel zu verzweifelt, die Startlinie im Kompasscomputer zu speichern, als einfach nur von der Linie weg zu bleiben. In der dritten Wettfahrt kam mir beim Zieleinlauf plötzlich die Zieltonne entgegen und blieb an meiner Bordwand hängen. Ich hatte die in der Strömung sehr flach kurz unter Wasser liegende Befestigungsleine mit dem Ruderblatt „eingefangen“ und konne mich nicht mehr selbst befreien. Urs kam mir zu Hilfe und „erlöste“ mich. Ob die Tonnenberührung sowie die Hilfeleistung vor – regelwidrig – oder nach meinem Zieldurchgang (Berührung der Ziellinie mit der Bugspitze, – ohne Regelverstoß) stattfand, war für die Wettfahrtleitung unerheblich. Ich erhielt wegen fehlendem (?) Zieldurchgang (DNF) die volle Punktzahl.

Zuschauer direkt am Geschehen

Das Beiprogramm hatte es in sich. Sobald man auf das Clubgelände kam, gab es etwas zu essen. Morgens Frühstück. Nach der Regatta Schinken, Käse, Salate, immer Baguette und natürlich die angemessenen alkoholischen Getränke dazu. Beim Dinner im Nachbarclub, dem Le Cercle de la Voile de Paris, Ausrichter der olympischen Spiele 1924, sang Denis Dumas, aktiver 2.4-Mitsegler mit kraftvollem Bass Lieder aus Carmen, Loic Ettonett verteilte viel Lob und Präsente an Menschen, die immer im Mittelpunkt stehen und an solche, bei denen das eher nicht der Fall ist. Mein Freund Reiner erhielt beispielsweise eine aktuelle Olympiakappe für sein Dabeisein bei vielen European Circuit Regatten.
Ein deutscher Starbootsegler erzählte mir am ersten Tag bereits: „Hier kommt es nicht so sehr aufs Segeln an, sondern mehr auf Essen, Trinken und das soziale Ereignis.“

Resümee

  • Auf einem Stromrevier sind nicht so sehr die traditionellen Segelfähigkeiten wie gute Starts, Decken des Gegners, optimale Tonnenrundungen wichtig. Bedeutsamer sind das richtige Verhalten in der Strömung.
  • Regel einzuhalten scheint unter diesen Bedingungen nicht zielführend. Konsequenzenlos in andere reinfahren, wegdrängen ohne Strafkringel zu drehen, ist zumindest ohne Schiedsrichter erfolgreicher.
  • Toleranz gegenüber Wettfahrtleitungen habe ich mir über die Jahre angewöhnt angesichts ihrer oftmals schweren Aufgaben.
  • Ein exzellentes Beiprogramm ist schön, kann aber faires Regattasegeln nicht ersetzen.

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