Professor Dr. Detlef Müller-Böling

„Ich-bin-sprach-be-hin-dert.“

Es gibt Geschichten, die kann das Leben nicht schreiben.

Aufgrund meiner vielen Arztrechnungen im letzten dreiviertel Jahr hatte ich als Beamter hinreichend Kontakt zur staatlichen Stelle, die für die Erstattungen zuständig ist. Bisher unkompliziert und unproblematisch. Bisher.

Ende August erhielt ich einen Bescheid, in dem eine Rechnung doppelt erstattet wurde. Ich erhob unmittelbar Einspruch und bat um Hinweis „… wie mit der Zuvielerstattung verfahren werden soll.“

Darauf passierte – nichts. Anfang November rief ich bei der Hotline an. Nach langer Wartezeit mit der Ansage „Zur Zeit sind alle Plätze besetzt, bitte haben Sie Geduld.“, meldete sich eine weitere Ansage „Der Bearbeitungsstau geht dem Ende zu, Bescheide werden demnächst versandt.“ Aha, denke ich, da hat es wohl ein Computerproblem gegeben. In Kürze werde ich etwas hören.

Falsch gedacht. Mitte November rief ich erneut an. Nach der Geduld entsprechend der ersten Ansage kommt die Mitteilung „Der Bearbeitungsstau ist abgebaut. Heute ist Betriebsversammlung.“ Nun gut, denke ich. Ich hab zwar das Geld, will und muss es aber wieder loswerden. Beim dritten Anruf einschließlich der notwendigen Geduld, meldet sich ein realer Mensch, dem ich mein Anliegen vortragen kann. Eine Weitervermittlung an meinen Sachbearbeiter ist nicht möglich, mir wird aber versichert, dass ich einen Rückruf erhalte. Auf meine Frage „Wann?“ lautet die Antwort „Morgen oder Übermorgen.“.

Eine Woche später – ohne Rückruf – beschließe ich, den Vorgang noch einmal schriftlich einzureichen.

Zehn Tage darauf erhalte ich einen Anruf (mit unterdrückter Nummer). Auf meine Meldung höre ich jemanden sprechen, verstehe aber kein Wort. „Ich habe Sie leider nicht verstanden, könnten Sie Ihr Anliegen wiederholen?“ Wiederum sehr undeutliches Sprechen, ich meine das Wort „Einspruch“ verstanden zu haben. „Geht es um meinen Einspruch?“ – Dann sehr bemüht deutlich artikulierend: „Ja, ich-bin-sprach-be-hin-dert.“ Der Sprachbehinderte erklärt mir anschließend – ich höre mich zunehmend ein, meine Sachbearbeiterin sei in Urlaub oder Fortbildung (?), käme nächste Woche zurück und würde sich dann bei mir melden. Ich bedanke mich freundlich für diesen Zwischenbescheid. Tatsächlich nimmt die Geschichte ihren prognostizierten Verlauf, die Sachbearbeiterin meldet sich an ihrem zweiten Wiederarbeitstag, kann sich den Vorgang nicht erklären, sichert aber zu, das Geld bei der nächsten – bereits vorliegenden – Abrechnung einzubehalten. Erleichterung stellt sich bei mir ein, obwohl der Vorgang ja nun Anfang Dezember immer noch nicht abgeschlossen ist.

Mir gehen aber darüber hinaus ganz andere Dinge durch den Kopf: Ich finde es gut, wenn staatliche Stellen Spitzenreiter in der Arbeitsintegration von Behinderten sind. Das gefällt mir als Behinderter natürlich. Aber muss ein Sprachbehinderter wirklich Telefondienst machen? Gibt es in einer großen Behörde keinen Sehbehinderten, Querschnittgelähmten oder Beinamputierten, der dafür eingesetzt werden kann? Oder bin ich einfach einem Satireanruf aufgesessen und die Sache hat mit dem realen Leben nicht zu tun?

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