Unerwünschte Erfahrungen – abgeschlossen?!!

Viele haben gefragt, per Mail, per Telefon: „Was ist mir Dir? Wie geht es?“ Herzlichen Dank für Euer Mitgefühl und Interesse. Die erste Fassung dieses Beitrags ging bis zum 7. Mai 2019. Hier ist sie jetzt mit Fortsetzung:

Zufallsbefund

25. April 2019: Jährliche Routineuntersuchung beim Kardiologen. Herz in Ordnung. Nebenbei Sonographie von Leber, Prostata – in Ordnung, rechte Niere – in Ordnung, linke Niere – neues Ansetzen, Verharren: „Da könnte etwas sein, vielleicht aber auch nur Schlaufe des Darms. Sollte durch CT abgeklärt werden.“

1. April 2019: Radiologe befindet nach CT: Geschwulst auf der linken Niere. Ratschlag: „Gehen Sie zu einem Urologen.“

Erfahrung 1: Auch wenn man sich super fühlt, kann sich jederzeit und unversehens eine Krankheit im Körper bilden. Nicht darauf warten, aber durchaus damit rechnen.

Segelfreundschaften

Danach fieberhaftes Überlegen. Urologe? Noch nie einen aufgesucht. Erinnerung: ehemaliger Segelkamerad aus der Jugendzeit ist doch jetzt Urologiechef an der Uniklinik.

Über mehrere Ecken finde ich Kontakt zu ihm und schildere den Fall. Die Antwort: „Gestern habe ich noch mit RW über Dich gesprochen. Komm in meine Sprechstunde!“

Erfahrung 2: Mit Menschen stets freund(schaft)lich auseinander gehen. Im Zweifel trifft man sich wieder im Leben.

Ärztliche Exzellenz

2. April 2019: Urologe nach Analyse der CT-Bilder sowie einer Ultraschall-Untersuchung: „Da ist ein Tumor auf der Niere, ob gut- oder bösartig, kann man erst nach Herausnahme sagen, Ich rate zur OP. Am 15.4. habe ich einen Termin frei.“

Meine Zustimmung ist so zwangsläufig wie meine Dankbarkeit. Zwei Tage später ergibt sich noch mal ein früherer OP-Slot am 11.4.

11. April 2019: Der Urologiechef operiert. Die Narkose ist etwas herausfordernder wegen der früheren Polio-Erkrankung und der daraus folgenden geringeren Muskelmassen. Sie wird gemacht vom Chef der Anästhesie, der im Vorgespräch darauf hinweist, dass wir uns kennen. Er wäre während meiner aktiven Zeit Prorektor gewesen.

Erfahrung 3: Die ärztliche Kompetenz an Unikliniken ist unbestreitbar. Der Ethos ist hoch. Die Verfügbarkeit jederzeit gesichert.

Alles läuft glatt. Der Tumor wird entfernt. Die Histologie bringt weitere Entwarnung: Der Tumor war gutartig.

Schritt für Schritt und Tag für Tag geht es aufwärts. Schmerzmittelinfusionen werden gegen Tabletten ersetzt. Drainage wird entfernt und am 17. April heißt es: „Wenn Du willst, kannst Du morgen nach Hause.“

18. April 2019: Entlassung aus der Klinik.

Rückschlag

Schön wieder Zuhause zu sein. Abends dann allerdings Fieber und leichter Druck im linken Bauch.

19. April 2019: Weiter Fieber. Anruf im Krankenhaus. Antwort: „Kommen Sie zurück in die Notaufnahme. Wir melden Sie schon mal an.“ Mit Rettungswagen nach 20 Stunden zurück in die Klinik. Sonographie: „Da ist Flüssigkeit im Bauchraum. Kommt vor, ist aber beherrschbar.“

Am späten Nachmittag wird vom Radiologen mit Hilfe von CT noch eine Drainage punktgenau zur Flüssigkeitsansammlung gelegt. Der im Osterurlaub weilende Chefurologe entscheidet ansonsten: „Ruhe bewahren!“

23. April 2019: In einer zweiten OP setzt der Chefurologe zusätzlich einen Nierenkatheter ein. Jetzt laufen aus zwei Öffnungen Flüssigkeiten aus meinem Körper. Das Meiste aus der Drainage. Ziel: es sollte umgekehrt sein.

Erfahrung 4: In einer solchen Situation verschiebt sich alles. Was vorher wichtig und bedeutsam war, verschwindet völlig in neuen Prioritäten. Das Leben konzentriert sich auf die Unterschiede in Millilitern bei verschiedenen Körperöffnungen.

Es geht nun um den Erhalt der Niere. Zeithorizonte verschwinden. Die Segelfreunde fahren Regatten. In Dortmund wird der Masterplan Wissenschaft ohne mich weiter entwickelt. Bei mir lautet die Ansage der Ärzte: „Geduld, und nochmals Geduld!“

Erfahrung 5: Einer meiner liebsten Weisheitssprüche bekommt neue Wirklichkeit: „Geduld ist gezähmte Leidenschaft!“

Pflegekräfte, gestresst im System

Neben den Ärzten gilt meine Bewunderung den Pflegekräften. Auf eine Schwester, einen Pfleger kommen 16 Patienten. Das ist im Normalalltag mit Frischeingelieferten und Frischoperierten nur im Galopp zu schaffen. Schlimm wird es, wenn jemand krankheitsbedingt ausfällt und dann Schwestern auf mehreren Stationen wirken müssen. Zwar haben sie Unterstützung durch Studierende, Auszubildende und Praktikanten, aber diese nehmen nicht nur Arbeit ab … Und bei dem ganzen Stress sind alle immer hilfsbereit, zugewandt und freundlich.

Erfahrung 6: Das deutsche Gesundheitssystem krankt an unterbezahlten und zu wenigen Pflegekräften. Es bricht nur deswegen nicht zusammen, weil diese einen tollen Job im Dienste der Patienten machen.

Hoffnung mit Geduld

7. Mai 2019: Nachdem sich die Mengenverhältnisse in den Körperaustritten umgekehrt haben, wird gestern die Drainage geschlossen und heute gezogen. Damit ist nur ein Zwischenstadium erreicht. Denn auch der Nierenkatheter muss natürlich noch weg. Das Zauberwort dafür lautet „Geduld“.

bis 15. Mai 2019: beständiger Kampf um geringe Ausflussmenge beim Nierenkatheter durch Verändern der Druckverhältnisse, langsames Herausziehen des Katheters über mehrere Tage – ohne Erfolg.

Erfahrung 7: Trotz größter ärztlicher Kunst macht der menschliche Körper doch teilweise sein eigenes Ding. Demut ist angesagt.

16. Mai 2019: In einer dritten OP wird die alte Öffnung des Nierenkatheters Nr. 1 verschlossen, eine neuer verlegt sowie eine Schiene in die Niere eingeführt, die für den reibungslosen Abfluss in den natürlichen Gängen sorgen soll.

17. bis 19. Mai 2019: Noch mal ist individuelles Leiden angesagt. Krämpfe in der Blase, Fieberschübe, Antibiotika, Schmerzmittel.

20. bis 21. Mai 2019: Doch dann greifen die ärztlichen Maßnahmen. Fieberfrei, Katheter gezogen. Entspannung.

Home sweet home

22. Mai 2019: Die Geduld hat ein Ende – Entlassung nach Hause.

Erfahrung 8: Ich war viel von zuhause fort während meines Berufslebens. Aber diese Rückkehr in Christines Obhut ist eindeutig die schönste.

23. Mai 2019: Nach sechs Wochen Liegezeit hat der Körper schwer abgebaut. Die ersten Muskelkater zeigen sich. Aber die sind ein schönes Gefühl.

Erfahrung 9: Gesundheit ist ein hohes Gut, aber wie hoch, zeigt sich erst, wenn man sie nicht mehr hat.

Leider werden die Erfahrungen fortgesetzt

(492 Besuche)

Kommentare (2)

  1. Iris Ramme

    Lieber Herr Müller-Böling, gerade habe ich von Ihrem unfreiwilligen Aufenthalt in einer Universitätsinstitution gehört. Oh je! Alles alles Gute und vor allem wohl Geduld. Auf jeden Fall sind Sie ja dem Teufel noch mal von der Schippe gesprungen. Und Ihr Tagebuch liest sich spannend. Statt Befund_1 … Befund_n halt Erfahrung_1 … Erfahrung_n. Wollen wir noch eine Hypothese hinzufügen? H1: Mü-Bö wird wieder gesund!!!!!!!!!!!!!!

    Gute Besserung und lassen Sie sich weiterhin gut pflegen.

    Ihre

    Iris Ramme

    Antworten
  2. Gerd Neumann

    Hallo lieber Detlev, gut daß Du wieder gesund bist. Wenn man liest was Du erleiden mußtes bekommt Segeln einen anderen Stellenwert.
    Zu lange im Boot, zu wenig getrunken, Körper kalt geworden? Gründe um über die Dauer der Wettfahrten nachzudenken, sie besser kürzer zu halten wäre ein Weg. Ebenso die Umgebungstemperaturen und die sachgerechte Bekleidung beachten.
    Die ursächlichen Zusammenhänge ergeben manchmal seltsame Erkrankungen.
    Wünsche Dir , daß Du gesund bleibst und die Segelleidenschaft zügeln kannst.
    Herzlichst Grüsse auch an deine verehrte Frau
    Gerd Neumann

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