Professor Dr. Detlef Müller-Böling

Krise

Es hat uns erwischt. Bisher nicht persönlich, sondern lediglich unsere Stadt, unser Land, Europa und die Welt. Eine Pandemie wie sie wohl letztmalig 1918/20 auf der Welt wütete und 50 Mio. Menschen das Leben kostete. Wie viele es diesmal sein werden, ist nicht absehbar. Wann wieder ein „normales“ Leben möglich sein wird, ist völlig ungewiss. Es steht zu befürchten, dass dieses Leben dann zuerst einmal um Etliches schlechter und beschwerlicher sein wird. Wer jetzt auf ein schnelles Ende von Kontaktsperren, Ausgangs- und Reisebeschränkungen hofft, wird wohl enttäuscht werden.

Halbvolles Glas

Aber ich habe ja bekanntlich mein Leben lang das Glas stets halbvoll statt halbleer gesehen. So will ich auch jetzt zumindest zwei aus meiner Sicht positive Entwicklungen ansprechen, die durch Corona wohl eintreten werden. Das heißt natürlich nicht, dass ich die schrecklichen Wirkungen der Corona-Pandemie verharmlosen oder gar gutreden will.

Renaissance der Wissenschaft

Erstens kehrt der Glaube an und das Vertrauen in die Wissenschaft zurück. In den letzten 30 Jahren ist beides zusammengebrochen. Bereits vor 25 Jahren am 8. Januar 1994 schrieb der britische Economist „Vor 30 Jahren waren die Universitäten die am meisten verhätschelten Institutionen der Welt. Nun sind die Universitäten überall in der Defensive. Es gibt kein Vertrauen mehr in sie seitens der Regierungen. Sie müssen sich Sorgen machen über zurückgehende Finanzmittel und den Verlust von Einfluss. Nicht mehr und nicht weniger als ein allgemeiner Pendelrückschlag gegen die akademische Welt ist im Gange.“

Diesen Pendelrückschlag erlebten wir verstärkt in den letzten 10 Jahren, als Fake-News begannen über wissenschaftliche Analysen und Fakten zu triumphieren. Auch die 99 Prozent der Wissenschaftler, die belegt vor der Klimakatastrophe warnten, wurden nicht gehört von den Politikern, von Parteien, von im Wohlstand eingerichteten Bürgern. Gehört wurden eher die 1 Prozent angeblichen Wissenschaftler, die die Klimakrise leugneten oder einfach das Gegenteil behaupteten.

Nun aber erlebt die Wissenschaft eine Renaissance. Was Virologen, Mediziner, Biologen sagen, wird begierig von den Menschen aufgesogen, ihre Ratschläge werden von den Politikern akzeptiert und umgesetzt. Das liegt wohl nicht zuletzt daran, dass die Corona-Krise schneller Tote produziert als die Klima-Krise. So mussten auch Wissenschafts-Leugner wie Trump in den USA, Johnson in Großbritannien oder Bolsonaro in Brasilien nolens volens begreifen, dass Wissenschaftler nicht nur dummes Zeug reden.

Die Abkehr von der Wissenschaft und Hinwendung zu „Postfakten“ hat auch mit politischen Strömungen zu tun, die zu Recht als populistisch tituliert werden. Zwar haben im Netz weiterhin Verschwörungstheorien und abstruse Erklärungen Konjunktur – nicht zuletzt weil sie aus Russland zur Destabilisierung unserer Gesellschaften gesendet werden. Aber etliche Erklärungsmuster funktionieren nicht mehr, wenn etwa die sogenannte Alternative wenig alternative Argumente für Corona in Deutschland hat. Denn Flüchtlinge waren ja nicht in Gangelt beim Karneval oder in Ischgl zum Skifahren.

Die Renaissance der Wissenschaft in der Welt – wie sie gerade auch im Wissenschaftsbarometer von Wissenschaft im Dialog belegt wird – ist eine begrüßenswerte Entwicklung. Ich kann nur hoffen, dass sie nachhaltig ist.

Digitalisierungsschub

Zweitens erlebt die Digitalisierung unserer Lebenswelt einen gewaltigen Schub. Wo der persönliche Kontakt zwangsläufig eingeschränkt ist, haben wir ein unglaubliches Potential in und mit der digitalen Kommunikation. Ein Potential, das früheren Generationen in der Menschheitsgeschichte nicht zur Verfügung stand.

Und dieser potentielle Schatz wird auf der privaten wie der beruflichen ebenso wie auf der Bildungsebene gerade in unglaublichem Ausmaß gehoben. Großeltern bekommen wegen und durch die Enkel eine starke Motivation, Apps einzurichten, mit denen sie Nachrichten austauschen oder videotelefonieren können.

Der Staat bearbeitet an einem Wochenende über einhunderttausend per Netz eingereichte Anträge zur Minderung der finanziellen Restriktionen.

Der Online-Kauf nimmt zu – glücklicherweise nicht nur über Amazon, sondern auch über den Buchhändler an der Ecke.

Schulen und Lehrer, die sich bisher schwer getan haben oder denen es schwer gemacht wurde, lernen Plattformen zu nutzen oder auch nur Arbeitsblätter per Mail zu versenden.

Für die Universitäten habe ich bereits ab 1997 gefragt, wer angesichts der vielfältigen Widerstände der Motor für die Digitalisierung (damals „Virtualisierung“ genannt) sein wird. Der Staat, die Wirtschaft oder die Hochschulen selbst schwebten mir als treibende Kräfte vor (siehe Hochschulentwicklung durch neue Medien). Jetzt wird klar, es gibt einen weiteren Motor – das Corona-Virus. Das Virus zwingt zur distanzreichen Lehre, Prüfung, Verwaltung und auch Forschung. Plötzlich gibt es einen ungemein starken – kaum mehr hinterfragten – Trend zur Digitalisierung in all diesen Bereichen.

Eine mächtige Veränderung

Es ist nicht schwer, angesichts der schon jetzt sichtbaren Entwicklungen zu prophezeien, dass Corona ein mächtiger, wirkungsvoller und nachhaltiger Motor für die Veränderung unserer Lebenswelt sein wird. Was die Gesundheit, das Leben, die Wirtschaft, das soziale Miteinander angeht, wohl überwiegend zum Schlechten. Aber – wie aufgezeigt – vielleicht auch hier und da zum Guten …

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