Masterplan Wissenschaft Dortmund – (Zwischen-)Bilanz

Neun Jahre habe ich beim Masterplan Wissenschaft der Stadt Dortmund mit gearbeitet. Diese Zeit endet nun. Da ist es angemessen, eine Bilanz zu ziehen. Die kann letztlich nur auf persönlichen Bewertungen beruhen. Ich will mit einer Gesamtbilanz beginnen, bevor ich die einzelnen Phasen beschreibe und bewerte.

Gesamtbilanz

Für mich ist bei sozialen Innovationen immer entscheidend gewesen, dass nicht nur Strukturen verändert werden. Dauerhaft kommen soziale Innovationen nur zum Tragen, wenn in den Köpfen der Menschen etwas verändert wird. Das ist mit und durch den Masterplan in Dortmund geschehen.

Bewusstseinsänderung in Politik und Stadtverwaltung
Politik und Stadtverwaltung haben erkannt, dass die Förderung der Wissenschaft nicht nur am Geldfluss von Land und Bund hängt, sondern etwa beim Wohnen, beim Verkehr oder der Ausländerpolitik eine kommunale Verantwortung besteht, die tatsächlich zum eigenen Anliegen wurde.

Bewusstseinsänderung in der Wissenschaft
In der Wissenschaft wuchs die Erkenntnis, dass Forschung interdisziplinär über die institutionellen Grenzen von Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen zu gestalten sind, um mehr „kritische Masse“ zu generieren, die im internationalen Wettbewerb mithalten kann.

Bewusstseinsänderung im Kulturleben
Das kulturelle Leben der Stadt wird nun maßgeblich auch von den Hochschulen mitgestaltet wie umgekehrt Wissenschaftler und Studierende am kulturellen Leben der Stadt teilhaben.

Bewusstseinsänderung in der Wirtschaft
Hier gab es schon immer die Erwartungshaltung der Wirtschaft(sfunktionäre), durch die Wissenschaft den Strukturwandel zu schaffen. Insofern war die Beziehung eher einseitig in Richtung Transfer Wissenschaft -> Wirtschaft ausgerichtet. Dass es auch eine umgekehrte Beziehung von Wirtschaft -> Wissenschaft durch Fragestellungen und Geld gibt, hat auch der Masterplan wohl noch nicht hinreichend ins Bewusstsein und in die Realität bringen können. Hervorragend funktioniert aber das Aufgreifen großer Projekte inklusive ihrer Finanzierung moderiert durch Technologiezentrum und Wirtschaftsförderung.

Anbahnung

Alles begann im April 2011 als Mechthild Heikenfeld, die Hochschul- und Wissenschaftsreferentin des Oberbürgermeisters der Stadt Dortmund, mich anrief und fragte, ob ich Interesse an einem Projekt hätte, für das man eine „Persönlichkeit als Kopf des Prozesses sucht, die mit Wissenschaft in Dortmund verbunden ist“. Oberbürgermeister, Rektorin der TU und Rektor der FH waren überein gekommen, die Potenziale des Wissenschaftsstandorts darzustellen, ein Qualitätsmanagement der vorhandenen Netzwerke und Zusammenarbeit aufzubauen sowie eine Zukunftsvision in einem „Zukunftspakt 2020 Wissenschaft und Stadtgesellschaft“ zu schmieden.

Erstellung des Masterplans

Ich sagte zu, sprach vorab einzeln mit allen wichtigen Playern in diesem Zusammenhang von den Leitern der acht großen wissenschaftlichen Einrichtungen, über die Präsidenten von Industrie- und Handels- sowie Handwerkskammer, den ÖPNV-Vorstand der Stadtwerke, über die Asten von TU und FH, die Geschäftsführer von Technologie Zentrum und Wirtschaftsförderung bis hin zu einzelnen Vorsitzenden großer Unternehmen.

Es schälte sich heraus, dass man sich auf insgesamt sechs Handlungsfelder fokussieren sollte, wie ich es auch schon im Wesentlichen in der Studie Erfolgsfaktoren wissenschaftlicher Metropolregionen ermittelt hatte:

  • Wissenschaftliche Kompetenzfelder: Wo liegen die besonderen Dortmunder wissenschaftlichen Kompetenzfelder über die verschiedenen wissenschaftlichen Einrichtungen hinweg und wie kann man sie national und international weiter entwickeln?
  • Campusentwicklung: Entsprechen Raum- und Verkehrssituation den Anforderungen von heutiger und zukünftiger Wissenschaft in Dortmund?
  • Wissenschaft fördernde Rahmenbedingungen: Was sind attraktive Bedingungen für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die den Zuzug oder das Leben nach und in Dortmund begünstigen?
  • Wissenschaft und Stadtgesellschaft: Wie kann Wissenschaft in der Stadt erlebbar gemacht werden und wie können Wissenschaft und Stadtgesellschaft gegenseitig voneinander profitieren?
  • Wissenschaft und Wirtschaft: Wie können sich Wissenschaft und Wirtschaft befruchten im Transfer von Wissen in die Wirtschaft, aber auch von Fragestellungen und Finanzierungen aus der Wirtschaft?
  • Marketing: Was muss man tun, damit sowohl innerhalb der Stadt wie auch darüber hinaus die hohe Qualität und Bedeutung der Wissenschaft in und für Dortmund erkennbar wird und dauerhaft ins Bewusstsein rückt?

Einen derartig umfassenden Ansatz für die wissenschaftsbezogene Entwicklung einer Stadt bzw. Region hat es bisher nirgendwo in Deutschland – wahrscheinlich auch nicht anderswo – gegeben. Masterpläne beziehen sich andernorts auf die Verkehrs- und Raumentwicklung oder die institutionen-übergreifende wissenschaftliche Kompetenz oder das Marketing, aber nirgendwo auf das Zusammenspiel aller oben genannten Handlungsfelder.

Im Verlauf des Jahres 2012 ordneten sich insgesamt etwa 120 Personen diesen Handlungsfeldern zu und erarbeiteten selbstorganisiert Ideen für einen Zeithorizont bis zum Jahre 2020. Diese Ideen wurden von mir als Moderator verdichtet und in einem mehrstufigen Prozess mit ca. 30 Mitgliedern eines alle Player umfassenden Lenkungskreises zu einem Masterplan mit (zufällig!) 100 Maßnahmen „redaktionell“ zusammengefasst.

Meine Aufgabe bestand darin, Professoren, Studierende, Rektoren, Unternehmer, Gewerkschafter, Ratsvertreter, Oberbürgermeister und Stadtverwaltung, Kulturschaffende und letztlich Bürger zusammen zu bringen und für ein gemeinsames Ziel einzustehen. Das gelang. Letztlich haben 19 Dortmunder Institutionen den Masterplan im Februar 2013 unterzeichnet und der Rat der Stadt Dortmund hat ihn im Juni 2013 verabschiedet.

Persönliche Bewertung dieser Phase
Es war viel Arbeit mit so vielen Menschen bis Alpha-Tieren zu sprechen und zu verhandeln, aber auch sehr spannend die verschiedenen Perspektiven auf einen solchen Plan kennen zu lernen und miteinander zu verbinden. Beglückend, dass ich vielen noch aus meiner Rektorzeit 1990 bis 1994 positiv in Erinnerung war und insofern einen großen Vertrauensvorschuss genoss. Es zeigte sich darüber hinaus einmal mehr, dass die zielorientierten, pragmatischen Dortmunder immer wieder schnell zu Konsensen fähig sind. Besonders schön die Äußerung eines FDP-Ratsmitglieds im Rat der Stadt: „Wir sind grundsätzlich gegen zu viel Plan, aber diesem Plan stimmen wir zu!“

Umsetzung

Ab 2013 ging es dann an die Umsetzung. Nach einiger Überlegung habe ich mich bereit erklärt, auch für diese Phase als „Beauftragter“ zur Verfügung zu stehen. Dabei ging es insbesondere um das Controlling des Plans. Von nun an habe ich zweimal im Jahr dem Wissenschaftsdialog als oberstem Organ des Plans mit Oberbürgermeister Ullrich Sierau als Vorsitzendem und einmal jährlich dem Lenkungskreis als Gremium aller beteiligten Institutionen über die Fortschritte bei der Umsetzung des Plans berichtet, Hindernisse aufgezeigt und konstruktiv über Lösungen diskutiert.

Bereits nach einem halben Jahr können eine ganze Reihe von Maßnahmen als „abgehakt“ gelten. Und es zeigt, sich dass die Sicherungsmaßnahmen für die Umsetzung gut greifen.

Controllingblatt

Während also intern weiter gearbeitet wurde (Beispiel Reinoldus-Raum), gab es von außen erhebliche Aufmerksamkeit für unseren Ansatz (Beispiele Aachen, Köln, Hamburg).

Die Halbzeitbilanz Ende 2016 kann sich mit mehr als 50 Prozent umgesetzter Maßnahmen auch im Detail bereits sehen lassen.

Mit den Wissenschaftskonferenzen 2014 und 2016 und 2018 wurden wesentliche Themen des Masterplans in die Stadt und darüber hinaus getragen.

Persönliche Bewertung dieser Phase
Alle Beteiligten gingen mit großem Engagement an die Umsetzung heran. Letztlich entstand ein Bewusstsein für die gemeinsame Verantwortung für Wissenschaft in der Stadt. Der „Geist des Masterplans“ drang in die Köpfe und bestimmte bewusst oder unbewusst mehr und mehr das Handeln der Beteiligten.
Das Controlling war sinnvoll und zwingend notwendig, weniger im Sinne einer Kontrolle, sondern mehr mit dem Focus, dass der Prozess begleitet und wertgeschätzt wird.

Externe Begutachtung

Von Anfang an vorgesehen war die externe Begutachtung der wissenschaftlichen Kompetenzfelder sowie des gesamten Ansatzes und Prozesses – fixiert als zwei Maßnahmen im Masterplan. Beides wurde im April 2017 in Angriff genommen zuerst einmal mit einem internen Reflexionsprozess des Erreichten und der zukünftigen Ideen und Pläne für eine Zeit über den Horizont des Masterplans im Jahre 2020 hinaus. Die wissenschaftlichen Kompetenzfelder mussten darüber hinaus einen umfangreichen Fragenkatalog bearbeiten, der auf Erfahrungen aus dem Wissenschaftsrat fußte. Bis zum Frühjahr 2018 lagen die entsprechenden intern abgestimmten Selbstberichte vor und wurden einer hochkarätigen Gutachtergruppe übermittelt.

Die Gruppe informierte sich am 17. und 18. Mai 2018 vor Ort in Dortmund, sprach mit Repräsentanten aller Beteiligten und verfasste ein inhaltsreiches Gutachten, dass einerseits viel Lob für den Prozess und die Position der wissenschaftlichen Kompetenzfelder enthielt, andererseits aber auch viele hilfreiche Hinweise für eine Weiterentwicklung lieferte. Einen Überblick gibt der Beitrag Dortmund ist Wissenschaftsstadt!.

Persönliche Bewertung dieser Phase
Die interne Selbstreflexion einschließlich der Generierung neuer Ideen für eine Fortsetzung des Masterplans über 2020 hinaus war ein sehr aufwändiges Unterfangen, das auch mich als Beauftragten wieder „redaktionell“ stark forderte. Darüber hinaus leistete das Referat Forschungsförderung der TU Dortmund herausragende Arbeit in der Koordination der Berichte der wissenschaftlichen Kompetenzfelder.
Doch diese Arbeit war außerordentlich wertvoll. Bereits in der internen Reflexionsphase wurde klar, dass man über 2020 hinaus in einen „Masterplan 2.0“ einsteigen wollte, was dann von den Gutachtern nachhaltig befürwortet wurde. Gleichzeitig wurden eine Reihe neuer Ideen generiert. Die Gutachter stärkten letztlich allen Beteiligten den Rücken, auf einem sehr guten Weg zu sein.

Manfred Prenzel, Vorsitzender der Gutachterkommission

Kurz und präzise ist dies alles vom Vorsitzenden der Gutachterkommission Manfred Prenzel in einem Interview mit Jan-Martin Wiarda unter dem Titel „Deutschlandweit ziemlich einzigartig“ formuliert worden. Wirklich lesenswert!

Masterplan 2.0

Nun also die Fortsetzung als Masterplan 2.0 mit Horizont bis zum Jahre 2030. Da war es eine Selbstverständlichkeit für mich, die Aufgabe nicht noch einmal weiter zu führen. Denn 70- bis 80-jährig sollte man derartige Prozesse nicht mehr begleiten und vorantreiben. Da braucht es jüngeres Blut. Im Laufe des Jahres 2020 werden auch der Oberbürgermeister Ullrich Sierau und die Rektorin Ursula Gather aus dem Amt scheiden und damit zwei bisherige starke Säulen des Masterplans wegfallen.

„Neuer“ Herbert Waldmann und „Alter“ Detlef Müller-Böling

Als neuer Moderator ist mit Herbert Waldmann, Direktor am Max-Planck-Institut für molekulare Physiologie, ein herausragender Wissenschaftler gefunden, der von Anfang an beim Masterplan dabei war und voll hinter ihm stand.

Persönliche Bewertung dieser Phase
Der Masterplan 2.0 setzt auf auf einem soliden Fundament des gegenseitigen Vertrauens der Beteiligten, einer erfolgreichen Vorgeschichte sowie einer bewährten Grundstruktur mit Lenkungskreis (Kuratorium), Wissenschaftsdialog und unabhängigem Moderator sowie einem sinnvollen neuen Gremium, bestehend aus Gruppensprechern und Moderator, die die Koordination zwischen den Handlungsfelder besser als in der ersten Phase bewerkstelligen sollen. Neue Themenschwerpunkte sind definiert und werden wiederum bottom-up-gesteuert ausgefüllt.

Trotz des Wechsels bei Oberbürgermeister, Rektorin und Moderator ist eine größtmögliche Konstanz bei den übrigen verantwortlich handelnden Akteuren mit jüngeren Köpfen gewährleistet. Das lässt auch einen positiven Rückblick auf den Masterplan 2.0 im Jahre 2030 erwarten.

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